Was ich beim Bau eines Steuersimulators gelernt habe

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Seit die Bundesregierung eine Reform der Einkommensteuer angekündigt hat, wird wieder intensiv gerechnet. Das Steuertool der ZEIT hat diese Debatte für viele erstmals greifbar gemacht: Fast 20.000 Menschen haben selbst ausprobiert, welche Auswirkungen unterschiedliche Tarifmodelle hätten.

Ein Blick in die Kommentare zeigt: Viele Diskussionen drehen sich um Themen, die im Rechner gar nicht vorkommen – Vermögensteuer, Kapitalertragsteuer, Sozialversicherungsfinanzierung. Ich habe das Modell deshalb erweitert.

Die größere Abgabe

Wenn in der Politik von Steuerentlastungen die Rede ist, geht es fast immer um die Einkommensteuer. Das ist verständlich: Sie ist sichtbar, steht auf jeder Gehaltsabrechnung, ihr progressiver Tarif lässt sich einfach erklären.

Die Sozialversicherung bekommt dabei wenig Aufmerksamkeit. Für viele Beschäftigte ist sie die größere Belastung.

Wer 30.000 Euro brutto im Jahr verdient, zahlt rund 2.095 Euro Einkommensteuer, aber etwa 6.690 Euro an Sozialversicherungsbeiträgen. Bei 60.000 Euro stehen 8.973 Euro Einkommensteuer rund 13.380 Euro Sozialversicherung gegenüber. Erst bei sehr hohen Einkommen dreht sich das Verhältnis: Bei 150.000 Euro Brutto fallen 45.802 Euro Einkommensteuer und Solidaritätszuschlag an, aber 18.909 Euro Sozialversicherungsbeiträge. Der SV-Anteil am Einkommen sinkt damit von 22 Prozent auf 12,6 Prozent.

Der Grund sind die Beitragsbemessungsgrenzen. Oberhalb von 101.400 Euro jährlich (Renten- und Arbeitslosenversicherung) werden keine weiteren Beiträge erhoben. Die Einkommensteuer ist progressiv, die Sozialversicherung wirkt oberhalb dieser Grenzen regressiv.

67 Milliarden – und warum das eine Untergrenze ist

Kaum ein Thema wurde in den Kommentaren häufiger genannt als die Vermögensteuer. Das übliche Gegenargument: Der Verwaltungsaufwand stehe in keinem Verhältnis zu den Einnahmen.

Das lässt sich zumindest grob nachprüfen.

Eine Vermögensteuer von einem Prozent auf Nettovermögen oberhalb einer Million Euro würde nach meinem Modell mindestens 67 Milliarden Euro jährlich einbringen. “Mindestens” deshalb, weil die zugrunde liegenden Daten aus dem Household Finance and Consumption Survey der EZB stammen – und sehr große Vermögen dort erfahrungsgemäß untererfasst sind. Der tatsächliche Wert läge vermutlich höher.

Zum Vergleich: Der Verteidigungshaushalt 2024 lag bei 52 Milliarden Euro. Die vollständige Abschaffung des Eingangssteuersatzes würde nach meinem Modell rund 14 Milliarden Euro kosten.

Verhaltensänderungen sind dabei nicht eingerechnet. Aber die Größenordnung ist belastbar genug, um das Argument des minimalen Aufkommens ernsthaft zu hinterfragen.

Wo einfache Regler nicht funktionieren

Mehrwertsteuer und Grunderwerbsteuer kommen in vielen Steuerdebatten kaum vor – obwohl beide Haushalte mit niedrigen Einkommen überproportional belasten. Wer wenig verdient, konsumiert einen größeren Anteil davon. Gleicher Steuersatz, ungleiche Belastung.

Bei der Vermögensteuer kommt ein praktisches Problem hinzu: Vermögen und Liquidität sind nicht dasselbe. Wer einen großen Unternehmensanteil hält, hat auf dem Papier vielleicht mehrere Millionen Euro – aber nicht zwingend das Geld, um jährlich eine Steuer darauf zu zahlen. In solchen Fällen wäre Kapital zu beschaffen, etwa über Kredite oder Anteilsverkäufe.

Eine diskutierte Alternative: stille Staatsbeteiligungen. Statt einer Sofortzahlung erhält der Staat einen kleinen Unternehmensanteil und realisiert seinen Anspruch erst bei einem späteren Verkauf. Das löst das Liquiditätsproblem – schafft aber neue Fragen rund um Verwaltung, Verluste und die Rolle des Staates als Teilhaber privater Unternehmen. Lösbar, aber nicht trivial.

Die Erbschaftsteuer fehlt im Rechner ebenfalls. Ökonomisch wäre sie vermutlich der direkteste Hebel gegen langfristige Vermögenskonzentration – sie greift genau dann, wenn Vermögen den Besitzer wechselt, ohne eigene wirtschaftliche Leistung. In Deutschland bleibt ihr Aufkommen weit hinter dem zurück, was die Vermögensverteilung erwarten ließe. Der Hauptgrund: Betriebsvermögen lässt sich unter bestimmten Bedingungen nahezu steuerfrei übertragen. Das schützt Arbeitsplätze und Unternehmensstrukturen – führt aber dazu, dass große Vermögen über Generationen kaum besteuert werden.

Was 20.000 Vorschläge zeigen

Das ZEIT-Tool hat fast 20.000 eingereichte Reformvorschläge gesammelt. Das Ergebnis: Im Durchschnitt würden 82 Prozent der Menschen weniger zahlen – bei 52 Milliarden Euro weniger Staatseinnahmen.

Das ist weniger überraschend als es klingt. Wer über Steuern nachdenkt, schaut zuerst auf die eigene Situation. Daraus entstehen Vorschläge, die vor allem die eigene Einkommensgruppe entlasten. Das ist kein Fehler im System, sondern ein Hinweis darauf, warum Steuerpolitik schwierig ist: Einkommensteuer allein erzählt nur einen Teil der Geschichte.

Selbst ausprobieren

Ich habe einen Rechner entwickelt, der Einkommensteuer, Sozialversicherung, Kapitalertragsteuer und Vermögensteuer gemeinsam betrachtet – auf Basis der ZEIT-Datenlage, ergänzt um die EZB-Vermögensdaten. Eigene Vorschläge einreichen, Verteilungswirkungen anschauen.

→ Zum Rechner

Berechnungsbasis: Steuerstatistik Destatis 2021, fortgeschrieben auf 2026. Vermögensverteilung: HFCS 2021 (große Vermögen unterrepräsentiert, Aufkommensschätzung daher als Untergrenze). Verhaltensänderungen nicht berücksichtigt.